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„Auf der Welt gibt es nichts, was weicher und dünner ist, als Wasser. Doch um Hartes und Starres zu bezwingen, kommt nichts diesem gleich. Dass das Schwache das Starke besiegt, das Harte dem Weichen unterliegt, jeder weiß es, doch keiner handelt danach.“ (Laotse)

Die Zeilen oben sind ein Aphorismus von Laotse, einem chinesischen Philosophen aus der Zeit von ca. 600 vor Christus. Er gilt als einer der Autoren des I Ging und hat einige hundert solcher Sprüche und Gedichte verfasst. Was ihnen allen gemein ist, ist die Kürze und Prägnanz seiner Worte, er scheint niemals Wörter zu verschwenden, nur um der Form oder Schönheit wegen, sondern jedes seiner Worte, selbst in kürzesten Sätzen, hat Gewicht und einen tiefen Sinn.

Die Zeilen oben sind exakt in dieser Form nicht im I Ging enthalten, sie finden sich aber an unterschiedlichen Stellen auf unterschiedliche Weise wieder. Unter anderem heisst es an einer Stelle „Sei wie fliessendes Wasser, es findet immer einen Weg.“ Was ist das Besondere am „Weg des Wassers?“

Im I Ging wird das Wasser in der Beschreibung der acht Grundzeichen als ,das Abgründige‘ beschrieben und steht damit in Abgrenzung zum stehenden Wasser, dem See, der das Attribut ,heiter‘ trägt. Fließendes Wasser ist immer in Bewegung, es geht hin und her. Dabei verändert es stetig seine Form, findet seinen Weg durch die kleinsten Risse, und überfließt Hindernisse anstatt sie zu bekämpfen.

Häufig im Leben begegnen uns Schwierigkeiten, die uns unüberwindbar erscheinen. Wir wollen dagegen an, wollen den Gegner niederringen mit aller Kraft, die wir aufzubringen vermögen – und scheitern schließlich doch. Wir sind in solchen Situationen manchmal betriebsblind. Wir realisieren eine Gefahr oder eine Herausforderung und begegnen ihr mit unserem routinierten “Anti-Terror-Programm”, das sich vielleicht schon oftmals in unserem Leben in ähnlichen Situationen bewährt hat. Wir greifen zu einer für uns bekannten “Standard-Strategie”, einem alten Verhaltensmuster. Geht dieses Muster nicht auf, zweifeln wir häufig an unseren Fähigkeiten, halten die Umstände für ungünstig, unsere Stärke nicht für groß genug, unsere Erfahrung zu gering, usw.

Was es aber tatsächlich “nur” braucht, ist eine neue Strategie. Wir müssen umdenken. Und hier macht uns das Wasser oftmals etwas vor. Wenn wir ein kleines Rinnsal betrachten, das den Berg herabließt, kaum mehr als ein Tröpfeln, dann können wir sehen, dass das Wasser an dieser Stelle den Berg ein Stück weit ausgewaschen hat, an dieser Stelle bildet sich eine Rille im harten Gestein. Ist das Wasser nun stärker als der Berg? Isoliert betrachtet sicherlich nicht, aber es ist stetig und bringt durch seine Beharrlichkeit das scheinbar härtere Material zum Aufgeben.

Ähnlich sieht es Laotse in seinem Vers: Wir müssen lernen, uns vom herkömmlichen Denken zu befreien, wenn wir damit nicht weiterkommen. Müssen lernen, manchmal auf Umwegen statt auf direktem Wege zu gehen und aufhören, immer nur in Offensichtlichkeiten zu denken. Deshalb steht im I Ging das Wasser auch für das Kreative, für unkonventionelle Lösungen. Denn zu häufig lassen wir uns von den Dingen beeindrucken, die für unser Auge offensichtlich sind, so wie stark-schwach, hart-weich usw. Manchmal muss man die Augen verschließen und (in sich) hören oder fühlen, um den passenden Weg zu finden. Und dann ist oftmals der Gedanke, der zunächst unrealistisch oder gar verrückt schien, derjenige, der schließlich zum Ziel führt.

Kennt Ihr Situationen aus Eurem Leben, in denen eine scheinbar verrückte Idee Euch schließlich zum Ziel geführt hat? Wir sind gespannt.

Eine gute Zeit!

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