iging_lernen

Über das Lernen gibt es viele Theorien. In regelmässigen Abständen versetzen uns neueste Forschungsergebnisse in Erstaunen über die Leistungsfähigkeit und manchmal über die Eigenarten unseres Gehirns. Ungeachtet dessen hat das I Ging schon vor tausenden von Jahren ohne EEG und Nervenleitgeschwindigkeits-Messung Anleitung gegeben wie Lernen und vor allem Lehren funktionieren kann.

1+1= Chemie…?

Wir alle erinnern uns an unsere Schulzeit. Die einen mit guten, die anderen mit eher negativen Gefühlen im Bauch. Über eines sind sich jedoch die meisten einig: Wie gern und erfolgreich wir in welchem Fach gelernt haben, war neben allen genetischen Veranlagungen vor allem abhängig vom Lehrer, bzw. der „Chemie“ zwischen ihm/ihr und uns. Manch einer brauchte nur den Klassenraum zu betreten und es herrschte dieses eine Gefühl von Respekt, Aufmerksamkeit, Disziplin, andere jedoch wurden mit einer Meute Schüler nur fertig über Androhung von Strafen, Einträgen ins Klassenbuch oder andere Maßregelungen. Nicht zuletzt, ein sehr beliebtes Mittel einiger Lehrer eines bestimmten „Schlages“: das Erwecken von Minderwertigkeitsgefühlen beim Schüler und Kleinmachen seiner Leistungen und seines Könnens.

Prima (Lern-)Klima?

Dem I Ging zufolge besteht ein großer Fehler im Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, wenn der Lehrer sich quasi „aufdrängt“. Die richtigere Reihenfolge wäre, dass der Schüler sich hilfesuchend an den Lehrer wendet, denn dann ist Bereitschaft zum Lernen da und das Wissen, das der Lehrer sät, kann Früchte tragen. Natürlich ist das heute nur bedingt umsetzbar. In unserer heutigen Zeit erfahren wir Lernen als etwas Standardisiertes, wenig Individuelles, wir erleben „Frontalunterricht“, bei dem es weniger um die Bedürfnisse der Lernenden geht als um den Standard dessen, was vermittelt werden soll. Ein echte Herausforderung für ein gutes Lernklima…

Lehrer gesucht: eine Stellenbeschreibung à la I Ging:

Suche erfahrene/n Lehrer/Lehrerin mit innerer Stärke, Humor und Klarheit, der/die fördernd, konsequent und wohlwollend ist im Umgang mit jugendlicher Unerfahrenheit und Unwissenheit. Er stellt klare Regeln auf und vermittelt den Ernst des Lebens mit dem Ziel, einen unerfahren Charakter zu belehren und bei seiner Formung zum edlen Menschen tatkräftig zur Seiten zu stehen. Er hat die Ausdauer und Geduld, in schwierigen Fällen das Leben als Lehrmeister wirken zu lassen, denn wenn nicht hören kann, muss fühlen. Bei unverbesserlicher Torheit muss er in der Lage sein, ohne Zorn angemessene Strafen zu verhängen, die weder dem Selbstzweck noch einer Selbst-Erhöhung dienen, sondern lediglich dem Ziel, dem Wohle aller förderlich zu sein.

Und der „perfekte“ Schüler? 

In der Einleitung zu Hexagramm 4, Die Jugendtorheit finden wir folgende Worte: „Nicht ich suche den jungen Toren, der junge Tor sucht mich. Beim ersten Orakel gebe ich Auskunft. Fragt er zwei-, dreimal, so ist das Belästigung. Wenn er belästigt, so gebe ich keine Auskunft.“ (R. Wilhelm)

Ein junger Mensch ist unerfahren, dies ist natürlich. Er muss sich seiner Unerfahrenheit jedoch bewusst sein und seinem Lehrer respektvoll gegenübertreten. Er muss sich in seine Rolle als „Lernender“ fügen und den Lehrer als Autorität anerkennen. Grundlage dafür sind Bescheidenheit und Einsicht.

Weiter heisst es „beschränkte Torheit bringt Beschämung.“ Hier ist jemand verblendet von Einbildungen und Selbstüberschätzung. Er wächst über seine Rolle als „Lernender“ hinaus, ohne die rechte Basis dafür zu haben. Früher oder später wird ihn sein Hochmut an dieser Stelle zu Fall bringen, aber Konsequenzen wird er nur aus diesem Leid ziehen, nicht aus reiner Belehrung. Also ist es das Beste, ihn diese Erfahrung machen zu lassen.

Ähnliches kann passieren, wenn ein Schüler nicht seinen eigenen (beschwerlichen) Weg des Wachsens geht, sondern blind andere Menschen, die er als Vorbild ausgewählt hat, kopiert. Eine Kopie ist immer schlechter als das Original, erst Recht, wenn hinter ihr keine eigene Entwicklung steht, sondern nur eine leere äußere Hülle, die einer anderen gleicht…

Wie Du mir, so ich Dir…

Was wir heutzutage oft vergessen oder ausblenden ist, dass wir zu unterschiedlichen Zeiten im Leben mal die Rolle des Lernenden und die des Lehrenden ausfüllen, manchmal sogar gleichzeitig. Wir sind in der Funktion des Vaters in der Verantwortung, unsere Kinder zu lehren und zu begleiten, gleichzeitig können wir in unserem Beruf einer Firmenhierarchie unterstehen, in der man selbst von seinem Vorgesetzten lernen muss. Diese Rollenwechsel zeigen uns anschaulich, wie wichtig es ist, mit unseren Positionen angemessen und würdevoll umzugehen, denn wir stehen immer mal auf der einen und mal auf der anderen Seite. Viel zu oft kann man Menschen erleben, die getreu dem Motto handeln „nach oben buckeln, nach unten treten“, weil sie in ihrer Rolle als „Überlegene“ all den Frust und die Verletzungen weitergeben, die sie selbst als Unterlegene erfahren haben, anstatt aktiv diesen Kreislauf an einer Stelle zu unterbrechen.

Wo anfangen?

Unser Schulsystem lässt sich nicht von heute auf morgen revolutionieren. Bis neue/alte Erkenntnisse oder Denkansätze ihren Weg in die Köpfe gefunden haben, wird immer wieder Zeit vergehen. Sichtbar ist aber, dass schon heute viel positive Entwicklung und Umdenken in diesem Bereich stattfindet. Neue private Schulen unterrichten jetzt nach einem neuen Konzept, das sich nicht mehr beschränkt auf reine Wissensvermittlung. Schöne Beispiele für Schulen, die diesen Weg angefangen haben zu gehen, findet Ihr hier: Schule im Aufbruch  und Facettenreich. In diesen Beispielen kann man auch schön sehen, wie Lernen nicht nur als Einbahnstraße gesehen werden kann, sondern als gemeinschaftliches Projekt, in dem jeder vom andern lernen kann.

Selbstverständlich darf man die Rolle des Lehrenden und Lernenden nach dem I Ging auch nicht so eng auslegen. Wie oben schon erwähnt lässt sich auch hier ein weites Feld einbeziehen, zu dem nicht zuletzt auch Politiker und andere Führungspersonen zählen.
Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Thema Lernen und Lehren?

Eine gute Zeit!

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