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Das Hexagramm 37 „Die Sippe“ kann auf vielfältige Weise als „Organigramm“ genutzt werden. Weil es so vielschichtig und vielseitig übertragbar ist, sehen wir uns das Ganze heute mal unter einem Einzelaspekt an, dem des Vaters, der in der fünften Linie des Hexagramms behandelt wird.

Das Bild des Mannes und damit auch seine Rolle in der Familie, in der Berufswelt und Partnerschaft unterliegt seit einigen Jahren einer Wandlung, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Noch in der Generation vor unserer gab es ein ganz klassisches, konservatives Familien- und Rollenbild auf beiden Seiten, Frau und Mann, von dem nur in seltenen Fällen abgewichen wurde. Heute verwischen hingegen die beiden Beziehungsanteile, männlich und weiblich, immer mehr, weil Frauen sich mehr zu ihrer männlichen, Männer hingegen zu ihrer weiblichen Seite bekennen. Was manchmal bleibt ist Unsicherheit auf allen Seiten: Wer erwartet eigentlich was von mir und welche Erwartungen möchte ich meinerseits überhaupt erfüllen??? Und was braucht es neben allem Individualismus, damit eine „Familie“ oder „Gesellschaft“ bestehen kann?

Sehen wir uns doch hierzu das Bild an, das das I Ging vom „Vater“ zeichnet:

„Wie ein König naht er seiner Sippe, fürchtet Euch nicht. Heil!“ Puh, das hört sich erst mal nach einer sehr hierarchischen und dominanten, wenn nicht sogar distanzierten Struktur an, oder? In den Erläuterungen zum Text wird jedoch einiges klarer:

„Ein König ist das Bild eines väterlichen, innerlich reichen Mannes. Er handelt nicht so, dass man sich vor ihm fürchten muss, sondern die ganze Familie kann Vertrauen haben, weil die Liebe herrscht im Verkehr. Sein Wesen übt ganz von selbst den rechten Einfluss aus.“

Wenn wir die letzten Worte mal ohne den vorangegangenen Satz auf uns wirken lassen, erwachen da nicht gleich jede Menge Bilder in uns? Was das I Ging da beschreibt, geht doch beinahe an ein Urbedürfnis, das wir Menschen unserem Vater gegenüber haben, oder? Wir wünschen uns einen Menschen, der einerseits die Richtung vorgibt und lenkt und leitet, aber andererseits auch Vertrauen und Liebe und Gefühl nicht zu kurz kommen lässt. Wir möchten keine Angst haben vor unseren Vätern (oder Vorgesetzten), aber wir möchten schon das Gefühl haben, dass da jemand ist, der weiss wo es lang geht. Im Idealfall haben wir vor so einem Menschen, der oben beschrieben wird, ganz viel Respekt, weil er eine natürliche Autorität ist. Er muss nicht Macht demonstrieren, weil er von innen heraus Sicherheit und Stärke und Verantwortung ausstrahlt. Er muss sich nicht permanent selbst erklären, weil seine Handlungen schlüssig sind.

Gleichzeitig bedeutet für ihn Liebe keinen Widerspruch. Seine Rolle ist klar und unstrittig, deswegen kann er es sich leisten, Gefühle zu zeigen und mit liebevoller Hand „zu regieren“. Seine Person ist authentisch und er findet darum automatisch das rechte Maß in allen Dingen. Seine Familie kann ihm darum vertrauen und es gibt einen klaren Rahmen.

Wir alle sind mit diesen „Idealvätern“ in Berührung gekommen. Im Märchen und Sagen ist es meist der „alte König“, der eine solche Charakterstruktur widerspiegelt, in Geschichten häufig im Gegensatz zur bösen Stiefmutter, die dann im Widerstreit zu ihm steht. In der Legende von Robin Hood ist es Richard Löwenherz, der gütige König, auf dessen Rückkehr alle warten. Selbst in aktuellen Dramen und Filmen halten wir bis in die heutige Zeit an diesem Idealbild fest, siehe „Der Herr der Ringe“ beispielsweise. Und wenn wir in die Bibel schauen, ist das Bild von Gott oder Jesus, das wir dort vermittelt bekommen auch nicht so weit weg von dieser Vorstellung…

Was heisst das nun für unsere Situation heute? Zunächst einmal sollten wir die Definition des Vaters im I Ging nicht zu eng stecken. Wir können das System in der „Sippe“ übertragen auf viele gesellschaftliche Modelle. Ein Unternehmen könnte in diesem Rahmen funktionieren, die Gesellschaft bzw. die staatliche Ordnung insgesamt oder wir können uns einzelne Elemente des Hexagrammes, so wie jetzt beim Vater, einzeln heraussuchen und auf einzelne Situationen beziehen. Lehrer beispielsweise oder Erzieher sollten ebenfalls über die Merkmale verfügen, die hier für den Vater beschrieben sind. Das Modell sollte also nicht zu statisch als Familie betrachtet werden.

Und für den Mann bzw. Frau von heute? Wo geht die Reise hin? In Familie, Job und Partnerschaft? Was passiert mit der Frau, wenn der Vater wegfällt und sie auf einmal seine Rolle übernehmen muss? Wir freuen uns über Eure Meinungen in den Kommentaren!

Eine gute Zeit!

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