KW 50 Bild

Was für ein wunderbares Zitat! Aus einer Sprüchesammlung, einem dicken Buch, das auf meinem Schreibtisch liegt. Ein kluger Spruch für jeden Tag, viele davon „nett“, einmal gelesen tauchen sie aber alsbald wieder ab in das Vergessen, einige wenige, so wie dieser, ziehen von Anfang an, einer Sternschnuppe gleich, ein leuchtendes Band hinter sich her durch die Gedanken im Kopf. Sie lassen einen nicht mehr los, und ziehen weitere Überlegungen nach sich, so wie diese hier:

Als ich diesen Spruch gelesen habe, musste ich an die Zeit zurück denken, in der ich begonnen habe, mich mit dem I Ging zu beschäftigen. In dieser Zeit stand ich mit der Erde, also dem weiblichen Prinzip, ganz, ganz stark auf Kriegsfuß 🙂

Für mich repräsentierte die Erde alles das, was schwach ist, was passiv ist, aktionslos und hingebungsvoll-aufopfernd, sich selbst vergessend. Ich glaube, dass es vielen Menschen so geht, das weibliche Prinzip immer als den „schwächeren“ Teil zu sehen, auch wenn der Verstand – oder das spirituelle Bewusstsein von mir aus – sagt, dass dies so nicht korrekt ist und nur einen Teil der Wahrheit repräsentiert.

Erst mit der Zeit habe ich angefangen, zu sehen, wofür die Erde wirklich steht und was das weibliche Prinzip wirklich macht. Das kam auch nicht nur über die Beschäftigung mit dem IGing, sondern über die Betrachtung ganz vieler Kulturen und spiritueller Richtungen, in denen das Weibliche größtenteils ganz anders gesehen wird als es das in unserer modernen westlichen Kultur heute getan wird.

Als ich das obige Zitat gelesen habe, fand ich vor allem das Bild sehr schön: Das Weibliche, die Frau oder im IGing: die Erde stützt die Hälfte des Himmels. Himmel und Erde ergeben zusammen den Anfang, zwei gleichwertige Teile aus denen gemeinsam alles andere, eine unendliche Vielzahl entsteht (das ist das Prinzip von Yin und Yang). Bei der Formulierung „stützt die Hälfte“ wurde mir klar, wie untrennbar miteinander verbunden diese beiden Prinzipien trotz ihrer scheinbaren Unterschiedlichkeit doch sind, auch wenn wir immer wieder gerne versuchen, das eine ein bisschen weg zu drängen oder das Männliche als Eigenschaft häufiger mal als das Erstrebenswertere oder Produktivere erachten.

yin-yang-29650

Dann habe ich mal wieder auf meinem Block rumgekritzelt und Erde und Himmel aufgezeichnet und habe gedacht: Es stimmt schon, wenn man den Himmel betrachtet, mit seinen drei durchgezogenen Linien und die Erde mit ihren drei unterbrochenen Linien, könnte man hingehen und die beiden Zeichen einfach mal ineinander schieben. Und dann stützt die Erde mit ihren „halben Balken“ zur Hälfte die „ganzen Balken“, so dass genau die Hälfte des Himmels aus einfachen und die andere Hälfte aus verstärkten Balken besteht.

Das finde ich auch eine sehr schöne Erklärung des Zeichens: Der Himmel wird zur Hälfte von sich selbst getragen, die andere Hälfte trägt die Erde mit und dadurch wird auch wieder klar, wie sehr die beiden sich ergänzen müssen, um miteinander den Anfang zu schaffen für etwas Neues, das entsteht.

Im I Ging heisst es bei Richard Wilhelm in der Einleitung zu Hexagramm 2: „Es ist das vollkommene Gegenstück zu dem Schöpferischen (Himmel), nicht der Gegensatz; eine Ergänzung, keine Bekämpfung.“ und weiter: „ja selbst in den einzelnen Menschen ist diese Zweiheit in dem Zusammensein von Geistigem und Sinnlichem.“

Vielleicht fällt es uns leichter, die beiden Zeichen in ihrer Essenz zu erfassen, wenn wir uns immer wieder vor Augen halten, dass jeder von uns beide Seiten in sich trägt. Wenn wir im Aussen von „der Himmel“ oder „die Erde“ sprechen, können wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass nur aus der Ergänzung der beiden Zeichen zu einem Gemeinsamen, etwas Neues entstehen kann. Blockieren wir im Aussen wie im Innen einen Teil der Kräfte, die wirken sollen, beschneiden wir uns um die Möglichkeit, den Dingen ein natürliches Wachstum und neuen Samen zu geben, und dabei ist es egal, ob wir den Himmels-Teil oder den Erde-Teil blockieren.

Es geht im I Ging wie im Leben bei jedem einzelnen Menschen um Persönlichkeiten und diese definieren sich nicht über Geschlechtsmerkmale, sondern als Ganzes über viele kleine Teile, die sich im Idealfall harmonisch als ein absolutes Unikat zusammenfügen.

Mo Zi war einer der alten chinesischen „Wanderphilosophen“, die durch das Land zogen, um gesellschaftliche und politische Fragen zu erörtern und unter den Menschen zu verbreiten. Er lebte kurz nach Konfuzius in einer Zeit, in der China einem großen Wandel unterworfen war. Mo Zis Philosophie beruht auf einem Bild der Nächstenliebe und Frömmigkeit. Der Himmel ist für ihn eine gottgleiche Persönlichkeit, die der Erde sehr nahe steht und ihren Willen über einen vorbestimmten Himmelssohn in das Weltliche kommuniziert.

Bald stehen die Rauhnächte ins Haus. Vielleicht eine gute Zeit, um zu versuchen, sich in Ruhe jedem einzelnen Teil unseres Selbst zu widmen und sich ihm bewertungslos zuzuwenden und den Stimmen zu lauschen, die da gehört werden wollen.

Dafür uns allen eine kraftvolle Energie!

Sabine

Share on FacebookEmail this to someoneTweet about this on Twitter