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Die Arbeit am Verdorbenen ist eines der zentralen Hexagramme im I Ging, wenn es um die Thematik „Auflösen alter Muster und Glaubenssätze“ geht und wahrscheinlich das Hexagramm, um das niemand herumkommt, der in die Arbeit an seinen eigenen Seelenthemen einsteigt. Nicht verwunderlich, dass dieses Zeichen uns im Zweifelsfall sehr nah an unsere Grenzen bringen kann, wenn wir uns intensiver damit beschäftigen.

„Das Verdorbene“

Werfen wir einen ersten Blick in die Texte Wilhelms, fällt als erstes die Begrifflichkeit der „Schale mit Würmern“. Bereits diese Assoziation geht tief. Würmer in der Erde bringen die wenigsten zusammen mit dem guten Kompost, den sie erzeugen und auch wenn der Karnevalsschlager der „hustenden Regenwürmer“ den meisten Menschen präsent ist, ist der Haupt-Gedanke zumeist begleitet von Zerfressen, dem Loch im sonst so schönen Apfel oder im Zweifel sogar der Gedanke an Verwesung, die begleitet ist vom Zersetzungsprozess der durch die Würmer angestossen ist. Eine Assoziation ist auch die an das weggeworfene Stück Fleisch, auf dem sich in kürzester Zeit Maden einfinden, die wie ein Teppich die Oberfläche bedecken. Genug vom optisch-Unappetitlichen. Die Problematik bleibt aber. Die Themen, die mit Hexagramm 18 berührt werden, sind „verdorben“ und, anders als bei anderen Hexagrammen, die eine ungünstige Entwicklung aufzeigen, verdorben durch einen Schuldanteil, nicht, weil gerade Zeitgeist oder Karma die Dinge in eine bestimmte Richtung lenken.

Wovon Hexagramm 18 spricht, ist von Menschen verdorben, absichtlich oder unabsichtlich und es ist die Aufgabe des Menschen, nicht der Zeit, diese Tatsache wieder gerade zu rücken. Mit welchen Mitteln werden wir später sehen.

Inneres und äußeres Trigramm

Zunächst einmal ist klar, in diesem Zeichen ist nichts was deutlich vorwärts bringt. Oben haben wir den Berg, fest und unbeweglich, der Fels in der Brandung und unten den Wind, der zwar für eine gewisse Beweglichkeit spricht, aber unterhalb des Berges nichts auszurichten vermag und der ausserdem selbst einen Impuls von aussen benötigt, um seine Energie in eine Richtung leiten zu können. Aus dem inneren wie aus dem äußeren Trigramm ergibt sich keine Entwicklung, sondern Stagnation. Das ist es, was den Verfall in dem Zeichen ausmacht und die aktuelle Lage aufzeigt.

Kernzeichen

Was bringt nun die „Arbeit“ ins „Verdorbene“?  In erster Linie ist da eine große Energie, die aus dem Donner, dem oberen Kernzeichen stammt. Sie sorgt dafür, dass Bewegung in die Sache kommt, ein Impuls in das Ausharren, etwas Neues in etwas, das dem Zerfall ausgeliefert ist. Zum zweiten kommt der See hinzu, der dem ganzen etwas von der „Weltuntergangsstimmung“ nimmt, eine hoffnungsvolle Aussicht, einen Ausblick bietet. Beide bilden ein starkes Kontrastprogramm zum Status Quo der Ausgangslage.

Die einzelnen Linien

Linie 1, ein „kleines“ Problem

Die erste Linie eines Hexagramms ist auch die erste Linie im Inneren. Sie steht für das Urvertrauen, für die Basis, aber auch in der Chronologie für den Beginn einer Thematik. In diesem Hexagramm steht die erste Linie für den Zeitpunkt, an dem das Problem noch klein ist und im Vergleich leicht zu lösen. Betrachten wir den Resonanzpartner (der Resonanzpartner einer Linie bezeichnet das jeweilige Gegenstück im entgegengesetzten Trigramm, also Linie 1 zu Linie 4, 2 zu 5 und 3 zu 6) ist hier eine Yin-Linie einer Yin-Linie entgegengesetzt. Das heisst in diesem Fall, der Widerstand, der uns bei diesem Problem entgegensteht ist noch leicht oder gering. Häufig begegnen uns auf dieser Linie „Alltagsprobleme“. Liegengebliebenes, dem wir nicht genug Beachtung geschenkt haben, vergessene Termine, ein nicht geführtes Gespräch über Kleinigkeiten… Doch Vorsicht! Beachten wir diese Dinge auch langfristig nicht, werden aus kleinen Problemen häufig grosse, wie wir im Verlauf der Betrachtung noch sehen werden

Die Nachbarschaft von Linie 1 ist „in Ordnung“ (die Nachbarschaft bezeichnet die jeweils darüber beziehungsweise darunter liegende Linie. Bei der Betrachtung dieser Ordnung gehen wir von den Idealen des Hexagramms 63 aus, bei dem immer im Wechsel eine Yin- und eine Yang-Linie das Hexagramm bilden). Linie 2 ist hier eine starke Yang-Linie, ebenso wie Linie 6, die wir für die Betrachtung der Nachbarschaft bei Linie 1 nach unten holen müssen.

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Die Trigramme, die auf diese Linie einwirken, sind Wind, Feuer und Wasser. Unabhängig davon, dass die Probleme hier noch „in ihren Kinderschuhen stecken“ wird aber auch aufgrund der einwirkenden Trigramme klar, dass diese Linie auch Potential zu grossen Schwierigkeiten hat, wenn sie, wie oben schon erwähnt weiterhin nicht beachtet wird.

Wandelt sich die Linie 1 und wird zu einer Yang-Linie, so erhalten wir als inneres Trigramm den Himmel, als gesamtes Hexagramm die 26, des Großen Zähmungskraft. Bei diesem Hexagramm geht es, wie der Titel schon verrät, um große Kräfte. Der Himmel unten und der Berg oben stellen gemeinsam eine große Yang-Kraft, bei der es zum einen um das Schaffen von Neuem (Himmel) und das Erhalten und Sammeln von Kräften (Berg) geht. Gleichzeitig geht es um Routinen, also um das immer wiederkehrende Schaffen, Speichern, Schaffen, Speichern, usw. und um die Beziehung zwischen Vergangenheit und Zukunft, da der Himmel bestrebt ist, Neues zu schaffen, während der Berg bemüht ist, an altem festzuhalten. Übertragen wir dies auf die Situation des „Verdorbenen“, wird klar, dass wir auf dieser Linie auch im Alltag schauen müssen. Wo haben wir Themen, die im „Alltäglichen“ schlummern, die aber sowohl zukünftig Potential zu grossen Schwierigkeiten mit sich tragen, als auch gleichsam in ihrer Historie versteckt Ursachen haben, die es gilt aufzudecken.

Soweit für diese Woche zur „Arbeit am Verdorbenen“. Aufgrund der sehr umfangreichen Erklärungen und Betrachtung werden wir hier unterbrechen und nächste Woche die Fortsetzung liefern.

Vielleicht habt Ihr aber auch schon eigene Gedanken zum weiteren Verlauf, darauf sind wir sehr gespannt.

Eine gute Zeit!

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