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Zu den Redewendungen, auf die wir im I Ging immer wieder treffen, gehört auch „den großen Mann sehen“. Es gibt viele Hexagramme, in denen dieser mysteriöse Helfer im Urteilsspruch auftaucht, in noch mehr Hexagrammen taucht er bei einer berührten Linie auf. Grund genug, ihn uns einmal genauer anzusehen:

Der Helfer in der Not

Grundsätzlich ist der grosse Mann ein „guter Charakter“. Er taucht in der Regel dann auf, wenn Hilfe von aussen vonnöten ist, weil eine Situation schwierig oder nur mithilfe der beteiligten Personen schwer oder unlösbar ist. So taucht der große Mann beispielsweise in Hexagramm 6, der Streit, an der Stelle auf, wo es darum geht, rechtzeitig im Streit innezuhalten und ihn nicht bis zu Ende zu kämpfen. Hier sind die Qualitäten eines Menschen gefragt, der unparteiisch ist und gleichzeitig über genügend Autorität verfügt, dass ihm die beiden Streithähne Respekt zollen und ihm die Entscheidungen überlassen können. Sie geben selber ein Stück weit die Kontrolle ab und legen sie vertrauensvoll in seine Hände.

Dazu gehören Leistungen auf beiden Seiten. Dessen, der bereit ist, im Streit innezuhalten und sich Hilfe zu suchen und dessen, der wohlwollend und umsichtig mit der Situation umgeht. Er ist auch darum ein „großer Mann“, weil die Situation Fingerspitzengefühl, Gerechtigkeitssinn und Respekt erfordert.

Beim Hemmnis zwischen Berg und Abgrund

Der nächste Urteilsspruch, in dem der große Mann auftaucht ist Hexagramm 39, das Hemmnis. In dieser äußerst schwierigen und gefahrvollen Situation werden wir wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es sein kann, in bestimmten Situationen nach Hilfe zu schauen. Hier geht es darum, nach einem Menschen zu suchen, der der Lage gewachsen ist. Wir könne uns gerade bei diesem Hexagramm, die ganze Situation sehr bildlich vorstellen: Man steht zwischen einem hoch aufragenden Berg im Rücken und einem Abgrund direkt vor den Füssen. Da ist jede Hilfe, die von aussen kommt, willkommen. Eine ähnliche Situation habe ich selbst schon einmal erlebt. Als relativ unerfahrene Skifahrerin bin ich auf halber Höhe eines Berges gestürzt und verlor einen Ski. Ich geriet in dieser Situation völlig in Panik, der Berg hinter mir war zu Fuß nicht zu besteigen im Schnee und an eine weitere Abfahrt war in meiner Verfassung nicht zu denken. Ich hockte tatsächlich wie gelähmt an Ort und Stelle unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Ein nettes Ehepaar bot irgendwann seine Hilfe an und hat mit ihrer ruhigen und erfahrenen Art alles weitere organisiert. Ich selbst war in diesem Moment völlig handlungsunfähig…

Auch auf die innere Mitte kommt es an

Eine weitere Beschreibung enthält hingegen Hexagramm 45, die Sammlung. Hier wird vor allem die weltliche Natur des grossen Mannes klar. Bei Wilhelm heisst es: „Wo die Menschen gesammelt werden sollen, bedarf es der religiösen Kräfte. Aber es muss auch ein menschliches Haupt als Mittelpunkt der Sammlung da sein.“ Dieses Haupt wird auch sogleich näher definiert, eine Grundvoraussetzung muss nämlich sein, dass dieses zunächst „in sich selbst gesammelt ist“. Wir reden also auch hier wieder von einem Menschen, der in seiner Mitte ist und aufgrund dessen in der Lage ist, die Dinge zu überblicken und zu regeln.

Grob abweichend sind die Definitionen aus den Hexagrammen 46 und 57 nicht, deswegen sollten wir es zunächst dabei belassen.

Festzuhalten ist eine grundsätzliche Chrakterisierung des grossen Mannes, die wir oben schon in groben Zügen angerissen haben:

Der grosse Mann ruht in seiner Mitte. Er ist erfahren, weise und gerecht und hat die Situation und ihre Menschen im guten Blick. Er handelt wohlwollend und ist eine Hilfe in (großer) Not. Das macht ihn zu einem durchweg positiven Charakter. Oftmals tritt er auf den Plan, wenn in Situationen keine Lösung aus den beteiligten Personen selbst heraus möglich ist.

Diese Beschreibung lässt deutlich werden, dass der grosse Mann in vielen verschiedenen Formen auftreten kann. Er kann sowohl der klassische Mediator sein, er kann aber auch einfach eine Person sein, die mit den richtigen Eigenschaften zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Können wir sogar noch einen Schritt weiter gehen: Der große Mann muss gar nicht zwangsläufig eine Person sein, sondern vielleicht reichen die Eigenschaften allein, um den „großen Mann“ auf den Plan treten zu lassen?

Der große Mann als geistige Instanz

Wie meine ich das? Nehmen wir als Beispiel Hexagramm 6, der Streit:

Die beiden Streitenden kämpfen um ihre Ansprüche. Dabei geht es bei beiden letztlich darum, dass sie selbst der Meinung sind, sie seien jeweils im Recht. Der Punkt ist, dass man rechtzeitig innehalten soll und quasi den „großen Mann konsultieren“, anstatt den Streit verbittert zu Ende zu führen.

In diesem Fall, muss der große Mann aber nicht zwangsläufig eine reale Person sein, die von aussen in das Geschehen tritt. Es würde gegebenenfalls auch ausreichen, wenn der Fragende sich geistig ein Stück aus der Situation herauszieht und quasi eine geistige Instanz einschaltet, die über die oben genannten Eigenschaften verfügt. Will heissen, dass man die eigene Situation bedenkt, innerlich auf Abstand geht und mit dieser Reflexion neu in die Situation hineingeht und anders bewertet und somit auch zu dem Schluss kommen könnte, den Streit besser beizulegen.

Hört sich auf den ersten Blick vielleicht etwas verfahren an, aber in einer Situation, in der kein klassischer externer Schlichter greifbar ist, kann genau so ein Hinweis auf eine innere Instanz eventuell der Weg zur Lösung sein. Ähnlich wäre es mir ja auch ergangen, hätte ich bei meiner Skipisten-Situation nicht zufällig jemanden an der Hand gehabt, der mich aus dieser misslichen Lage geholt hätte. Wahrscheinlich hätte ich wohl kein IGing geworfen in diesem Moment, aber klar ist, dass mein „Abschalten“ der Panik und zur Besinnung-Kommen in jedem Fall der erste Schritt zur Lösung gewesen wäre.

Es geht also beim grossen Mann in erster Linie um dessen Charakteristika, weniger darum, ihn als eine tatsächlich reale Person zu sehen. In den meisten Fällen wird dies so sein, bei der Auslegung eines Hexagramms sollte aber, abhängig von der jeweiligen Situation, um die es geht, auch die Möglichkeit berücksichtigt werden, dass diese reale Person nicht existiert, sondern auf bestimmte Qualitäten abgezielt wird, die für die Lösung der Aufgabe vonnöten sind.

Habt Ihr selbst Erfahrung oder Meinungen zu diesem Thema?

Wir würden uns freuen, davon zu hören!

Bis bald!

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