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Es gibt viele Wörter oder Sätze, die sich durch unser Leben ziehen wie ein roter Faden. Einige davon sind positiv besetzt, zum Beispiel Liebe, Glück oder auch ganz handfeste Dinge wie Zuhause, Urlaub usw. Zu den Begrifflichkeiten, die uns in regelmässigen Abständen immer wieder mal unter kommen, die in uns aber jedes Mal Unwohlsein, Unzufriedenheit oder einfach ein ungutes Gefühle hervorrufen ist der Begriff des „Scheiterns“. Zeit und Anlass, sich diesem Gefühl einmal zuzuwenden und ihm ein bisschen Aufmerksamkeit zu gönnen:

Scheitern stammt ab vom „Scheit“, dem Stück Holz, und bedeutet in seiner Ursprungsform „in Stücke brechen“. Es wurde auch häufig in der Schifffahrt benutzt, wenn ein Schiff an einem Felsen zerschellte. Heute benutzen wir das Wort „scheitern“ auch für weniger existentielle Dinge: unsere Pläne sind gescheitert, wir sind bei einem Vorhaben gescheitert, längst ist nicht mehr wichtig, ob es dabei um lebensbedrohliche Dinge geht oder lediglich um Lappalien, das Ergebnis bleibt für uns das Gleiche: Wir haben uns etwas vorgenommen und haben dabei versagt mit allen schlechten Gefühlen, die dabei entstehen und die wir auf dem Negativkonto unserer Lebensbilanz verbuchen.

Sucht man im I Ging nach der Begrifflichkeit des Scheiterns finden wir erstaunlicherweise eine ganz ähnliche Herleitung wie in unserem Wortstamm: Es ist das Hexagramm 23, die „Zersplitterung“. Wir sind wieder beim Holz, das zerbricht. Dabei, dass etwas unwiederbringlich kaputt geht und in seine Einzelteile zerfällt. An dieser Stelle jedoch enden die Gemeinsamkeiten, denn das I Ging führt uns weiter, aus der Zerstörung heraus hinein in etwas Neues, in den Prozess, der aus dem Zerstörten erwachsen kann.

Genau genommen beginnt jedes neue Leben mit Zerstörung. Die Samenzelle durchbricht die Wand der Eizelle, nur durch diesen Aufbruch ist es beiden möglich, sich zu vereinigen. Eine junge Pflanze muss die Schale des Samenkorns durchbrechen um wachsen zu können. Was daraus hervorgeht ist nicht Neues, es war schon vorher im Samenkorn enthalten, aber in einer anderen Form. Viele äußere Faktoren tragen dazu bei, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt das Samenkorn beginnt, seine Form zu verändern und zu einer Pflanze zu werden. Dabei scheint sie sich vor unseren Augen immer wieder zu verändern. Wenn wir aber genau hinschauen, bleibt sie ihr ganzes Leben lang die Pflanze, die in ihrem Samenkorn angelegt ist. Eine Sonnenblume wird auch dann keine Rose, wenn wir sie besonders gut gießen, sie kann aber eine ganz besonders große und strahlende Blume werden, wenn die Bedingungen dafür stimmen.

Wir sollten uns angewöhnen mit der Begrifflichkeit des „Scheiterns“ sorgsamer umzugehen. Wenn unsere Pläne anders laufen als wir das wollten, dann sind wir nicht „gescheitert“, dann zerbrechen wir nicht daran. Dann müssen wir uns umschauen, vielleicht auch einen Moment lang innehalten, um uns zu sammeln, und dann überlegen wie es weitergeht und welche Wege dieses vermeintliche Scheitern für uns eröffnet hat. Vielleicht ist gerade ein Teil unserer Schale geplatzt, die uns bisher davon abgehalten hat, zu wachsen und wir sind vor lauter Erschütterung über den Verlust dieser Schutzhülle blind für die Möglichkeiten, die diese offene Welt auf einmal für uns übrig hat.

Und wir sollten auch eines im Auge behalten: Wir sind wie die Sonnenblume, die nicht zur Rose werden kann. Wir können immer nur so viel erreichen, wie wir in der Lage sind zu leisten, in dem Moment, in dem wir sind. Es zählt nicht, wie viel wir hätten erreichen können, wenn Faktor x oder y eingetreten wäre oder eben nicht eingetreten wäre. Wir leben im Hier und Jetzt mit genau dem Handwerkszeug, das wir für uns zur Verfügung haben. Wir können daran arbeiten, unsere „Werkzeugpalette“ zu vergrößern, aber ein Schraubenzieher, der im Laden hängt, dreht bei uns zuhause keine Schraube fest. Dafür müssen wir losgehen und ihn kaufen.

In Hexagramm 23 ist die letzte stabile Linie der Yangstrich ganz oben. Auf ihm liegt eine übergroße Last. Auf Dauer wird er dem Druck des unsicheren Fundaments nicht standhalten können und wird zerbrechen. Was darauf folgt ist zunächst einmal eine „Herrschaft“ der Yinlinien, die Zeichen stehen ganz auf Annehmen, Demut, sich sammeln bis die Wandlung eintritt, die wieder neue Yangenergie zum Fließen bringt. Nur durch das Durchbrechen der letzten Linie kann es weitergehen, kann Veränderung passieren, für die wir dann bereit sind, wenn wir uns auf uns selbst besinnen, unsere Möglichkeiten ausloten und Veränderungsprozesse zulassen. Nur so meistern wir unser Leben. Durch immer neues Ausprobieren und durch Scheitern und anders-machen. Wenn wir dazu nicht bereit sind, steuern wir in Verbitterung und fühlen uns ausgeliefert an ein Schicksal, auf das wir keinen Einfluss nehmen können.

Eine gute Zeit!

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