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Ähnlich wie der große Mann, den wir letzte Woche näher unter die Lupe genommen haben, hat auch das große Wasser einen festen Platz in den Urteilen des I Ging. Ganze acht von vierundsechzig Hexagrammen behandeln allein in ihrem Urteilsspruch Ratschläge zur Durchquerung des großen Wassers. Auf den einzelnen Linien sind es noch viel mehr.

Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren

Das I Ging gibt hinsichtlich des großen Wassers sehr klare Hinweise darauf, ob eine Überquerung empfohlen wird oder nicht. In Hexagramm „Das Warten“ (5) heisst es hierzu:

Das Warten. 
Wenn Du wahrhaftig bist, so hast Du Licht und Gelingen.
Beharrlichkeit bringt Heil.
Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.

Warten sollte man hier nicht falsch verstehen. Es ist kein einfaches Untätig-sein oder Zeit vertrödeln, sondern ein Abwarten in Geduld und Zuversicht. Unter diesen Voraussetzungen führt Abwarten dazu, dass die Dinge gelingen. Aufgeben ist nicht angesagt, sondern Durchhalten. Und dann gelingt es auch, das große Wasser zu durchqueren.

Nicht fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren

Eine andere Form des „Wartens“ finden wir in Hexagramm 6, Der Streit: Hier heisst es:

Der Streit: Du bist wahrhaftig und wirst gehemmt.
Sorgliches Innehalten auf halbem Weg bringt Heil.
Zu Ende führen bringt Unheil.
Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.
Nicht fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.

Hier bedeutet Innehalten, nicht einfach Abwarten, sondern die Aktion komplett zu unterbrechen und auch nicht weiter zu führen.

Für das große Wasser bedeutet es, sich nicht daran zu machen, das große Wasser zu durchqueren, weil die Gefahr unter diesen Umständen zu groß und man selbst durch den Streit oder die Unstimmigkeit zu sehr geschwächt ist, um die Kraft auf die Beseitigung der Gefahren im Aussen zu konzentrieren.

Wasser ist nicht gleich Wasser

Um vorab eine Definition von Wasser zu liefern: Wir reden beim „großen Wasser“ niemals vom beschaulich dahinplätschernden Bächlein, in den man im Sommer seine Füsse zur Abkühlung hängt. Auch der im Sonnenlicht glänzende See hat mit dem großen Wasser nicht viel gemein. Im Grunde genommen ist es ein ähnlicher Sachverhalt wie bei den Trigrammen „See“ und „Wasser“. Wo der See heiter, beschaulich, kommunikativ und fröhlich ist, da ist das (fließende) Wasser dunkel, abgründig, mitreissend und verhängnisvoll. Sie sind beide unterschiedliche Seiten einer Medaille und in diesem Fall unterschiedliche Formen ein und desselben Elementes.

Das große Wasser ist niemals berechenbar. Es ist kein stehendes Gewässer, das eine klare Abgrenzung zum Ufer hat und das langsam zur Mitte hin tiefer wird. Man sieht auch nicht bis auf den Grund. Das große Wasser ist ein rauschender Fluss oder ein reißender großer Bach, eventuell sogar von Strudeln durchzogen. Aufgewühltes, dunkles Wasser, durch das man nicht bis auf den Grund schauen kann und von dem man nicht weiss, was sich darin verbirgt. Es reisst alles mit, was sich an seinem Ufer befindet, Tiere, Menschen, Bäume, Steine, es ist eine nicht zu kontrollierende Naturgewalt.

Eine Schwierigkeit ist keine Gefahr

Dementsprechend können wir einschätzen, auf welche Art von Gefahren das I Ging mit dem großen Wasser hinweisen will.

Wir reden hier niemals von kleineren Unwegbarkeiten, die vielleicht Mühe machen und vielleicht auch Veränderungen mit sich bringen. Solche Dinge haben nicht die Qualität eines großen Wassers.

Die Gefahren, die das I Ging mit dem großen Wasser beschreibt, sind Situationen, die unser Leben grundlegend auf den Kopf stellen. Wo danach nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Etwas, das das Potential hat, uns mit sich in die Tiefe zu reissen und uns ins Verderben zu stürzen und das deshalb sehr wohl überlegt sein will und für das es Kraft und Stärke braucht.

Ganz deutlich wird dies auch beim Hexagramm 18, Die Arbeit am Verdorbenen. Das Hexagramm selber hat schon eine Tendenz, das unterste zu oberst zu kehren. Hier geht es um Fehler, die bereinigt werden müssen, Ordnungen, die wieder hergestellt und Einwirkungen, von denen sich befreit werden muss. Das große Wasser unterstreicht hier die Dringlichkeit der Notwendigkeit die Dinge in Ordnung zu bringen, indem es aufzeigt, welches Gefahrenpotential hinter diesen falschen Verhältnissen steckt.

Tief blicken

Wenn also ein Hexagramm einen Ratschlag hinsichtlich des großen Wassers ausspricht ist es auch immer notwendig, unabhängig von der Deutung der Gesamtsituation, genauer hinzuschauen, ob die Lage, nicht irgendwo noch Potentiale einer Gefahr oder eines Risikos birgt, das wir auf den ersten Blick vielleicht nicht wahrnehmen oder nicht einkalkuliert haben. Manchmal haben scheinbar einfache Entscheidungen Dimensionen, die deutlich tiefer gehen, sehen können wir dies nur, wenn wir die Situation genau beleuchten und unser Inneres dazu betrachten.

Eine gute Zeit!

 

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