iging_schicksal

In meinem Umfeld erlebe ich oft den Satz: Ich habe doch jetzt soviel mitgemacht, so langsam muss es doch mal gut sein. Oder: Jetzt ist so viel schiefgegangen, jetzt muss doch auch mal was klappen. Was dabei für mich immer durchschimmert ist die Einstellung: Es muss doch mal jemand (das Schicksal, das Leben, der liebe Gott…) Mitleid mit mir haben. Und denken tue ich dann manchmal: Von Mitleid kann man sich nichts kaufen, das Leben belohnt die Tüchtigen, die die über die Phase des Jammerns hinauskommen und die Dinge in die Hand nehmen…

Mitgefühl ist „Mit-Fühlen“

Zugegeben, der erste Absatz ist sehr provokativ. Er soll auch nicht herzlos und unemotional oder gar sarkastisch rüberkommen. Natürlich gehört Menschen, die Schicksalsschläge erleiden oder denen Katastrophen passieren, unser Mitgefühl, um die geht es hier auch gar nicht. Ich habe nur große Zweifel, dass die Rechnung so aufgeht, wenn wir all unser Leid in eine Waagschale werfen und darauf hoffen, dass von irgendwoher aus dem Nichts die ausgleichende Gerechtigkeit auftaucht und dann den Kessel Gold (bildlich gesprochen) in die andere Schale wirft, um damit all unser Leid auszugleichen.

Was ist Schicksal?

Wir wissen nicht, ob es so etwas wie Schicksal gibt. Genau genommen wissen wir nicht einmal ob es überhaupt ein höheres Prinzip da draussen gibt und wenn ja, nach welchen Regeln es spielt. Da bleibt uns allein der Glaube. Und der ist wichtig und versetzt der Legende nach sogar Berge. Aber darauf verlassen können wir uns nicht und wenn ich ehrlich bin, weiss ich auch gar nicht, ob ich mich einem solchen Glauben wirklich hingeben möchte, denn unterm Strich bleibt da für mich ein Beigeschmack von Willkür. Wer sagt mir denn, was das Maß des zu ertragenden Leids voll ist und die Waage sich dreht? Und was ist überhaupt objektiv Leid? Was dem einen ein Schicksalsschlag ist dem anderen vielleicht nur eine Aufgabe von vielen, die auf seinem Weg liegen…

Was muss ich selbst tun?

Meine Erfahrung zeigt, dass das Leben nach einem ganz anderen Prinzip funktioniert. Wenn ich sage: das Leben belohnt die Tüchtigen, meine ich damit nicht besonders schlaue oder intelligente Menschen. Ich meine die, die sich bemühen ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und aus dem, was sie haben, das Beste zu machen. Und vor allem die, die bei sich anfangen. Die nicht die äußeren Umstände ansehen und sagen: „Ich kann nicht, weil…“ Menschen, die eigenverantwortlich sind, suchen nicht in ihren Lebensumständen nach den Gründen, sondern in sich selbst. Sie machen eine Inventur dessen, was sie haben und überlegen dann, was sie damit machen können oder was es braucht, um etwas damit machen zu können. So machen sie sich nicht anhängig davon, wie die Umwelt ihnen mitspielt. Es gibt Menschen, die bauen sich über Jahre etwas auf, und verlieren dann alles wieder. Das ist nicht nur wirtschaftlich ein großer Schaden, sondern all die innere Kraft, die wir aufbringen mussten, geht an dieser Stelle genauso den Bach runter.

Anpacken…

Doch der Punkt an dem sich dann einige Menschen von anderen unterscheiden ist der, dass die einen sich dann hinsetzen, ihre Dinge analysieren und mit dem was sie noch haben, neu und besser anfangen. Am Ende kommen diese Menschen an ihr Ziel. Sie überprüfen ihre Situation, ändern bei sich, beobachten was passiert und passen dann ggf. weiter an. Das klingt so unemotional und rational. Ist es aber nicht. Es geht darum, für sich selbst immer wieder den besten Weg zu finden. So beeinflussen wir unsere Umwelt und nicht umgekehrt. Natürlich ist es moralisch absolut verwerflich, wenn ein anderer Mensch mich über Betrügereien um mein Vermögen bringt. Darüber muss man nicht streiten. Die Spreu vom Weizen trennt sich aber hinterher, bei der Frage: Wie gehe ich damit um, was lerne ich für mich daraus? Das macht das Verhalten des anderen nicht besser oder weniger strafbar vor dem Gesetz. Es ist auch keine Rechtfertigung, dass jeder nur noch nach seinem Gutdünken mit dem anderen verfahren kann. Aber es ist ein Appell an uns, die Verantwortung für die Dinge auf uns zu nehmen. Diese Verantwortung macht nicht schwer, sie macht frei. Sicherlich ist das nicht immer der leichtere Weg, aber der, der langfristig zum Ziel führt. Unsere Umwelt formt sich in jedem Moment unseres Daseins neu und ist für jeden Menschen anders. Wenn wir uns treiben lassen, werden wir ein Teil der Umwelt eines anderen und damit zum Objekt. Wenn wir das Subjekt unserer Sätze werden wollen, müssen wir unsere Umwelt gestalten. Und das geht nur von innen nach außen. Oscar Wilde hat einmal gesagt: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“   Passt doch ganz gut, oder?

Bei aller Theorie wollten wir aber eigentlich danach sehen, wie das I Ging das alles sieht, darum nun zu Hexagramm 15, Die Bescheidenheit:

Bescheidenheit schafft Gelingen. Der Edle bringt zu Ende.

In diesem Hexagramm steht der Berg, der stillhält und festhält, zugedeckt von der Erde, so dass er beinahe nicht sichtbar ist. Hier geht es im Grunde wieder um den Ausgleich, den es zu schaffen gilt. Das was eigentlich unten wäre, also die Erde, ist in diesem Zeichen erhöht worden und der Berg, der eigentlich in die Höhe strebt, ordnet sich dabei unter. Es geht hier nicht mehr um Wirkung nach außen, sondern um innere Schätze, die als Berg in der Erde verborgen sind.

Jemand, der mit seinen inneren Schätzen sorgsam umgeht, sie pflegt und um sie weiß, hat nicht mehr die Notwendigkeit, sie prahlerisch nach außen zu demonstrieren. Er kann bildlich auch in einem Berg voll Erde leuchten, denn er ist nicht abhängig von seiner Umgebung.

Seine Heere gegen sich selbst marschieren lassen

Am deutlichsten wird jedoch die Richtung des I Ging bei der 6. Linie. Hier heisst es: „Fördernd ist es, Heere marschieren zu lassen, um die eigene Stadt und das eigene Land zu züchtigen.“ (R. Wilhelm) Hier wird ganz deutlich, wie Veränderung gelingt:

Es beginnt im Innersten (der eigenen Stadt) und richtet sich dann weiter nach außen (das eigene Land) bis man schließlich die Ordnung wieder hergestellt hat (sein „Schicksal“ in die Hand genommen hat). Ganz klar wird hier: Die Schuld oder die Verantwortung ist nicht draußen zu suchen und nicht beim anderen. Anfangen muss eine Veränderung immer bei mir und dann kann sie ganz langsam nach außen dringen, indem sie über mein engstes Umfeld immer weitere Kreise zieht.  Das I Ging findet hier auch harte Worte: Heere gegen sich selbst marschieren lassen. Das hat nichts mit Spazierengehen und Wellness zu tun, sondern mit viel Mut und Kraft, die dafür benötigt wird.

Dazu gibt es zum Abschluss noch einen schönen Spruch von Ghandi, der gut dazu passt: “Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.”

Eine gute Zeit!

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