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Der Blog zum I Ging

(M)eine gute Gesellschaft – Zeit alleine ist mehr als Warten auf den nächsten Termin

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Es gibt Menschen, die fühlen sich wenn sie alleine zuhause sitzen, als ob ihnen ein Teil ihres Körpers fehlt. Wir sind häufig so viel unterwegs, bekommen so viel permanenten Input von aussen, dass wir uns, wenn plötzlich einmal Ruhe einkehrt, manchmal verloren fühlen oder gar Radio oder Fernsehen anschalten, weil uns die Stille auf einmal zu laut erscheint.

Alles zur rechten Zeit

Das I Ging ist kein Verfechter von Eremitentum. Waghalsige Askese oder Abkehr von der Welt führt nicht zwangsläufig zu tiefer Erkenntnis, sondern zur falschen Zeit schlimmstenfalls zu Sinnlosigkeit und Einsamkeit, es gibt kein Patentrezept zum Glück. Was das IGing stattdessen sagt ist: Wir müssen den Zeitpunkt erkennen, wenn es das Richtige ist, allein zu sein, und den für Gemeinschaft mit anderen. Dabei können die Hexagramme helfen.

Ein Rückzug ist kein Rückschritt

In Hexagramm 52, beschreibt das IGing sehr genau, wozu ein Rückzug dienlich sein kann. Häufig glauben wir in unserer Zeit, dass eine Auszeit oder Pausen ein Zeichen von Schwäche sind. Wir setzen Auszeiten gleich mit „Nichtstun“, ohne zu berücksichtigen, dass auch wenn wir sichtbar nichts tun, in unserem Körper und Geist viel mehr abläuft als wir uns vorstellen. Und anstatt diese Pausen sinnvoll einzuplanen und uns manchmal sogar zur Disziplin zu rufen, sie besser einzuhalten, damit wir unsere körperliche und geistige Leistungsfähigkeit erhalten, optimieren wir unsere Tagesplanungen immer noch mehr, so dass möglichst ein Großteil der uns verbleibenden Zeit optimal für die Arbeit und unsere Erledigungen ausgenutzt ist. Richard Wilhelm sagt in seinem Text zu Hexagramm 52: „Die wahre Ruhe ist die, dass man stillehält, wenn die Zeit gekommen ist, stillezuhalten, und dass man vorangeht, wenn die Zeit gekommen ist, voranzugehen.” 

Verweilen im Jetzt

„Zusammenstehende Berge: das Bild des Stillehaltens. So geht der Edle mit seinen Gedanken nicht über seine Lage hinaus.“ R. Wilhelm

Kommt Euch das bekannt vor? Es gibt im Rahmen der Achtsamkeits-Theorien eine Geschichte, die ein Gespräch zwischen einem Zen-Schüler und seinem Lehrer beschreibt, dabei geht es um das Thema „glücklich sein“ und darin antwortet der Lehrer seinem Schüler: „Wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich liebe, dann liebe ich usw.“ Gleiches sagt sinngemäß das IGing mit diesem Satz. Wir müssen bei der Tätigkeit verweilen, die wir gerade tun und unser Geist mit uns. Es geht uns nicht gut, wenn unser Körper Nahrung zu sich nimmt und unser Geist den Terminkalender von morgen wälzt. Damit werden wir uns und dem was uns umgibt nicht gerecht. Wilhelm spricht dabei vom „wunden Herzen“, wir benutzen heute eine ähnliche Formulierung: Wir reiben uns auf zwischen den Dingen, weil wir nicht bei einem Thema verweilen, sondern gleichzeitig Rechnungen schreiben und nebenbei auf das Handy schielen.

Der stille Rücken als Indikator für Ruhe

In der Wirbelsäule laufen unter anderem die Nerven zusammen, die die Bewegung steuern und die für die untere Peripherie des Körpers. Nicht umsonst setzt man bei Entbindungen oder manchen Operationen eine PDA, um das Schmerzempfinden in diesen Regionen auszuschalten. Das IGing fasst dieses Bild schön auf und erklärt, dass wenn man an dieser Stelle den Körper zur Ruhe zwingt: „verschwindet das Ich in seiner Unruhe“ und man kann sich dem Außen zuwenden. Eine angemessene Wahrnehmung meiner Umwelt und meiner Aufgaben im Aussen setzt also eine innerliche Ruhe voraus. Anscheinend nehmen wir aber heute die äußeren Reize viel wichtiger als unsere innere Ruhe.

Sich selbst zuwenden

Hexagramm 52 ist nicht der einzige Hinweis im IGing darauf, dass die Einkehr zu sich selbst in manchen Situationen unverzichtbar ist. In Hexagramm 39, das Hemmnis, spricht Wilhelm davon, dass der Edle sich seiner eigenen Person zuwendet und seinen Charakter bildet. Dies wohlgemerkt, in einer Situation, in der er von Gefahren umzingelt ist. Er spricht sogar davon, dass für den Edlen die äußere Hemmung Anlass innerer Bereicherung und Bildung ist.

Selbstverständlich ist dies kein Patentrezept. Es kommt wie oben schon erwähnt auf den richtigen Zeitpunkt an, zu dem Rückzug angesagt ist.

Trendwende?

Mit dem Einzug buddhistischer Philosophie in unsere heutige Gesellschaft wird die Besinnung auf sich selbst immer „gesellschaftsfähiger“. Früher mit einem kühlen Lächeln als „Spinner“ abgetan, halten heute Schweigeseminare, Auszeiten, Meditationen und Coachings Einzug in alle gesellschaftlichen Schichten. Sicherlich ist das auch gut so, denn während sich um uns herum die Welt immer schneller digitalisiert und vernetzt, so bleiben wir doch jeder für sich ein Individuum und es ist notwendig bei allen Synergien um uns herum, erst einmal eins mit uns selbst zu werden bevor wir es mit dem oder den anderen werden.

Es ist jedoch zu befürchten, dass dieser positive Trend in Zukunft einen unangenehmen Beigeschmack bekommt. Narzissmus, Egoismus, Bestechlichkeit und viele andere Phänomene mehr, sind kein Zeichen von gesunder Selbstliebe, sondern von Überschätzung seiner eigenen Person und Abwertung der anderen. Und wenn ich mir die Schlagworte einiger Coaches oder Buchtitel ansehe, entsteht bei mir das Gefühl, die Grenze verläuft hier fliessend. Auch hier zählt das, was das IGing lehrt: Das richtige Maß und Ausgleich. Ich kann mich nicht selbst erhöhen, indem ich den anderen erniedrige, sondern ich kann nur alle Teile an mir annehmen, um in mir selbst einen Ausgleich zu schaffen. Innen lässt sich mit Aussen nicht kompensieren. Das Innen schafft das Aussen. Und dort muss ich anfangen zu wirken, der Rest wird folgen.

Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Alleinsein? Zerreißprobe oder Wellness für die Seele? Wenn Ihr es nicht wisst, stellt Euch doch mal auf die Probe und tragt einen Termin mit Euch selbst im Kalender ein, den Ihr genauso wichtig nehmt wie die mit anderen Menschen. Allein der Satz liest sich komisch, oder? Wie oft stecken wir wegen anderen Verpflichtungen bei uns selbst zurück, obwohl wir es doch mit uns ein ganzes Leben aushalten müssen, mit dem Kaffeebesuch vielleicht nur einen Nachmittag…

Wir freuen uns über Eure Erfahrungen. Habt Ihr im IGing selbst vielleicht noch spezielle Erfahrungen mit dem Thema Alleinsein gemacht, vielleicht bei einem anderen Hexagramm? Dieses Thema ist so gross, wir kommen bestimmt noch einmal darauf zurück.

Euch allen eine gute Zeit mit vielen (Selbst-)erkenntnissen und guter Gesellschaft!

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Nicht zu viel geben!

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Vom Lehren und Lernen

  1. Silke Lucht

    Hallo!
    Mein kurzer Kommentar bezieht sich auf das Zeichen 56 ´der Wanderer ´
    Das begegnet mir immer mal wieder und ist auch als Bezug zu meinem Alleinsein zu sehen, das ich auch manchmal als Einsamkeit empfinde, wenn sich das alte Trauma bemerkbar macht, das entlarvt werden will.
    Ich denke, dies zu grossen Teilen zu erkennen. Zur Zeit gehe ich sozusagen durch ein Tal. Die Antwort auf meine Frage, wie ich den Restschmerz besiegen kann, bekam ich 50- der Tiegel, mit 9 auf 3.
    Schicksal, Traumata, Karma. Grosse Worte. Die tieferen Zusammenhänge zu erkennen ist ja fast nicht möglich, Gott lässt sich kaum in die Karten schauen.
    Dass uns mit dem IGing ein Einblick gewährt wird, empfinde ich als einen Segen.
    Tolle Seite hier, merci Hubert Guerts und Mitstreiter oder sollte ich sagen Mitfrieder?!

  2. Luise

    Meine Erfahrung mit dem Alleinsein war meine Rettung. Es war der Anfang von einem längeren Prozess, mit den Hexagrammen herauszufinden, was der nächste Schritt ist. Hexagramm 39 Das Hemmnis zeigt unten den Berg und oben das Wasser und Wasser hat die Qualität zu fließen. Bei mir flossen erst einmal die Tränen. Da war keine Stille im Stillehalten und es ging auch nicht darum, es zu können, sondern es einfach zu tun. Wenn wir uns diesen Raum geben und nicht aufgeben, wächst das Vertrauen. Ich musste den Weg sehr intensiv gehen. Irgendwann erfahren wir auch, dass wir so, wie wir sind, gut genug sind. Der jetzige Moment reicht völlig aus, festzustellen, das alles da ist, was es braucht. Beim Hexagramm 38 Der Gegensatz geht es um Entfremdung und das Hexagramm 18 Die Arbeit am Verdorbenen gibt Aufschluss in welcher Welt ich gelebt habe. Sich diesem Raum zu widmen ist vielleicht der erste Schritt zur Selbstliebe und notwendig, um unterscheiden zu können — so langsam wie möglich und so gründlich wie nötig. ( Die Ungeduld lässt grüssen ). Ich habe mir meine eigene Marionette kreiert und war festgebunden an den Fäden alter Energiemuster und Hierarchiestrukturen. Sich hier wieder aufzustellen, die einzelnen Fäden durchzuschneiden und den eigenen Platz einzunehmen, um wie im Hexagramm 3 neu anzufangen, ist mit dem o.g. Prozess verbunden. Wenn wir im Stress sind haben wir keine Wahrnehmung. Ich brauche die Stille, als Möglichkeit, den Geist zur Ruhe zu bringen und mich auf meinen Körper einzulassen. Wir spüren, was stimmt und was nicht stimmt. Himmel und Erde; Vater und Mutter — bin ich im Frieden oder im Widerstand. Warum sind wir hier. Ich bin aufgewachsen als Eigentum der Familie. Das kann doch nicht alles gewesen sein. Wir wollen doch unser individuelles, kreatives Potential leben; das, was uns ausmacht, damit es sich durch uns ausdehnen kann und zwischen den 2 Hemisphären eine Verbindung entsteht, die das kreative Tun möglich macht. Wenn wir im Konflikt sind haben wir ein versetztes Denken.. Wir sind in der Vergangenheit oder Zukunft oder in der Vermutung. Dann geht bei uns das Licht aus. Hexagramm 36 Die Verfinsterung des Lichts, wo die Sonne unter die Erde gesunken ist, geht es um Verletzung und Beschädigung. Durch das Lernen mit dem I Ging können wir uns den Raum geben, um irgendwann zu tun, warum wir hier sind. Nach meiner Erfahrung gibt es keine Abkürzung. Das Thema ist wirklich gross.

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